Was wissen Lehrkräfte über die Nutzung von Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht?

Mehrsprachigkeit soll im Deutschunterricht einerseits mit Blick auf die Sprachförderung und Sprachbildung und andererseits als eine Ressource zum Sprachvergleich berücksichtigt und genutzt werden. Darüber herrscht sowohl in den wissenschaftlichen als auch in den bildungspolitischen Kreisen seit Jahrzehnten Konsens. Doch was wissen LehrerInnen über die Nutzung von Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht? Setzen sie dieses Wissen bei der Unterrichtsgestaltung um? Um diese Fragen zu beantworten wurden im Rahmen meines Dissertationsprojekts an der Universität Koblenz-Landau 37 LehrerInnen der Sekundarstufe I interviewt. Es konnte festgestellt werden, dass auch wenn die meisten befragten Lehrkräfte vor allem die Notwendigkeit der Deutschförderung bei mehrsprachigen SchülerInnen betonen, betrachtet ein großer Teil von ihnen die Mehrsprachigkeit als eine (sprachliche) Ressource, die im Deutschunterricht zur Sprachreflexion genutzt werden kann. Hierzu haben die Lehrkräfte eine Vielzahl von Vorgehensweisen entwickelt, bei denen sowohl Herkunftssprachen mehrsprachiger SchülerInnen als auch Schulfremdsprachen einbezogen werden können. So werden bspw. grammatische Strukturen des Englischen mit dem Deutschen verglichen und somit der Deutschunterricht mit dem Fremdsprachenunterricht verzahnt:

Der Hund beißt Peter oder …beißt den Jungen, heißt auf Englisch: ‚The dog bites the boy‘., Ganz klar, wer macht was. So, im Deutschen kann ich aber machen ‚Den Jungen beißt der Hund‘. Der Sinn ist genau der Gleiche, denn durch die Objekt-Endung habe ich hier ganz klar geklärt, wer hier das Subjekt ist. Aber hier ist es ganz klar, dass der arme Hund derjenige ist, der gebissen wird, weil die englische Sprache immer nach dem Prinzip funktioniert. Weil das geht ja auch ganz klar, hier immer „the“ steht..

Oder Sprachbilder, also Metapher, Vergleiche, Sprichwörter des Deutschen, Englischen, Französischen und der Herkunftssprachen mehrsprachiger SchülerInnen werden einander gegenübergestellt, um den Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur erfahrbar zu machen:

… und dann kommt man auch auf die Metaphern teilweise in den anderen Sprachen, die anderes sind. […] Mir fällt jetzt nur gerade, dass man auch Sprichwörter dazu… „Ein Mensch ohne Ziele ist wie ein Vogel ohne Flügel“. Und dann kam das afghanische Mädchen und sagte, ein Mensch ohne Ziele ist wie eine Biene ohne Honig. Da kommen dann ganz andere Bilder. Und je vielfältiger die Zusammensetzung der Klasse ist und je näher der Bezug auch noch zum Heimatland ist, desto interessantere Beispiele kommen natürlich.

Die Ergebnisse meiner Studie konnten zeigen, dass Lehrkräfte nicht nur über didaktisches und methodisches Wissen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht verfügen, sondern auch im Unterrichtsalltag eigene kreative, sinnvolle und einfach umsetzbare Möglichkeiten des unterrichtlichen Umgangs mit Mehrsprachigkeit entwickeln, die es verdienen, verbreitet und anderen KollegInnen zugänglich gemacht zu werden.

– Lena Bien-Miller

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